Der Schmalkaldische Bund

Veranstaltungen

Renaissance der Wirklichkeit - „Vom Scharfrichter zum Arzt – Vier Generationen Henker, Heiler, Menschen“
Freitag, 7. Juni 2019, 18:00
Vortrag Dr. Kai Lehmann

Eine ungewöhnliche Geschichte vielleicht erzählt an einem ungewöhnlichen Ort

Im Staatsarchiv Meiningen, genauer gesagt in der Zinck-Mattenberg-Sammlung, wurde unter der Nummer 1327 ein ganz besonderer Schatz wiederendeckt: Dort findet sich nämlich ein 350 Seiten umfassendes Rechnungsbuch, in dem ein Mann namens Johann Jeremias Glaser (er lebte von 1653 bis 1724) sein Erwachsenen-Leben in Zahl festhielt. Jede Einnahme und jede Ausgabe, die er tätigte, schrieb er akribisch auf und konservierte solches so für die Nachwelt. Und diese kann sich glücklich schätzen, weil dieses Rechnungsbuch einen bisher einmaligen Blick in die Lebenswelt des einfachen Volkes in der Frühen Neuzeit freigibt.

Der eine oder andere erinnerte sich vielleicht noch an die Sonderausstellung „Leben und Sterben im Dreißigjährigen Krieg“, die dem Museum Schloss Wilhelmsburg in den Jahren 2014/15 Einnahmerekorde bescherte. Im ersten Teil dieser Ausstellung wurden die Besucher u.a. mit den bereits stark an die Europäische Union erinnernden bürokratischen Gesetzmäßigkeiten des ausgehenden Reformationszeitalters konfrontiert, das ja erst mit dem Westfälischen Frieden (um historisch korrekt zu bleiben) sein Ende fand. Beispielsweise war damals mittels Tauf- oder Hochzeitsordnungen geregelt, wie viele Gäste zu einer Taufe oder Hochzeit eingeladen werden durften, was und wie viel gegessen und getrunken werden durfte, welchen Wert Hochzeits- oder Taufgeschenke maximal haben durften, wann die Feier beginnen durfte und wann sie enden musste, was die Musikanten höchsten verdienen durften, die zum Hochzeitstanz aufspielten etc. etc. … und der entsprechende Bußgeldkatalog war für Übertretungen dieser Vorschriften gleich mit eingebaut.

Solche Gesetzestexte sind die graue Theorie, aber jetzt haben wir mit dem Rechnungsbuch die schillernde Praxis. Johann Jeremias Glaser hielt nämlich die Taufen und Hochzeiten seiner Kinder bis ins kleinste Detail fest. Er fixierte bis auf das Pfefferkorn genau, was es zu Essen und zu Trinken gab (und natürlich auch was solches kostete), er erstellte namentliche Gästelisten und bezifferte hinter dem jeweiligen Namen den Geldwert der Geschenke (ein Schelm wer dabei an heutige Konfirmationen oder Jugendweihen denkt; zehn Euro steckten im Briefumschlag der Familie Mustermann und wenn Mustermann Junior in den Kreis der Gemeinde bzw. der Erwachsenen aufgenommen wird, müssen ebenfalls wieder zehn Euro in dessen geschenkten Briefumschlag). Bis auf den Knopf genau verzeichnete Glaser die stofflichen Bestandteile der Hochzeitskleider bzw. Hochzeitsanzüge seiner Töchter und Söhne. Aber auch der normale Alltag und Hausrat wurde von Glaser finanziell aufgezeichnet. Vom Ofen bis zum „Kinderstuhl“ und zur „Schwitz-Bank in der Bad-Stube“ (Sauna). Er verzeichnete die Lebensläufe seiner Eltern, deren Beerdigungen, er notierte die Sternbilder und Mondphasen bei der Geburt seiner Kinder, er zeichnete auf, was seine Knechte und Mägde verdienten und was sie sich davon an Kleidung, Essen oder auch an Tabak kauften. (An dieser Stelle sei bereits auf das damalige Wirrwarr der vielen unterschiedlichen Geld- und Maßeinheiten und deren entsprechende Umrechnung hingewiesen, welche Glaser ganz offensichtlich aus dem FF beherrschte.)

Johann Jeremias Glaser registrierte natürlich auch, welche Aufwendungen er für die Schulbesuche der Kinder getätigt hatte. Der jüngste Sohn Friedrich beispielsweise verließ nach der Grundschule seine Südthüringer Heimat und besuchte das Lyzeum (Gymnasium) in Ohrdruf, eine Bildungseinrichtung mit einem ausgezeichneten Ruf in Mitteldeutschland. Der Vater schickte dem Jungen dorthin regelmäßig beispielsweise Kerzen, „weil Friedrich früh [also vor Sonnenaufgang] aufstehen und lernen muss.“ Wert legte er auch auf gute Kleidung, bedachte aber den Sohn in der Ferne mit auch Leckereien aus der Heimat: Mal waren es zwei Pfund Butter oder „Fleisch, weil wir eben eine Kuh geschlachtet hatten“, dann auch mal einen Topf voll „Hutzel“ (getrocknete Birne als Dörrobst), dann wiederum waren es „Zwetschgen“ und mehrfach „geschälte Apfelschnitz“. Natürlich übersandte er ihm Bücher, die in Ohrdruf im Unterricht behandelt wurden, wie etwa ein „Griechisch-Lexikon“ oder Ciceros Reden.

Seinen ältesten Sohn schickte Glaser zum Musikunterricht und verzeichnete die Honorarkosten für den Musiklehrer. Überhaupt handelte es sich bei den Glasers um eine musikalische Familie, denn auch die Ausgaben für Geigen und Bassgeigen, mit denen abends Hausmusik gemacht wurde, finden sich im Rechnungsbuch.

Was bisher unerwähnt blieb: der hochgebildete und musische Johann Jeremias Glaser war von Beruf Scharfrichter. Er hatte seit 1680 zunächst das Amt des Henkers von Meiningen, später dann auch das von Wasungen inne. Naturgemäß finden sich auch Einnahmen aus der Scharfrichtertätigkeit in Glasers Rechnungsbuch: was er an Geld für das Erhängen von Deserteuren erhielt, was er für das Auspeitschen von Ehebrechern oder „Zigeunern“ bekam oder welches Honorar ihm für die Folterung und Verbrennung von Hexen und Hexenmeistern gegeben wurde. Aber dieser ‘gruselige‘ Part nahm nur einen relativ geringen Teil bei Glasers aufgezeichneten Einnahmepositionen ein. Der Scharfrichter verdiente sich auch ein Zubrot als Heiler und Arzt. Er reinigte Kloaken, wie die des Meiningen Gymnasiums. Er verdiente viel Geld im Lederhandel, denn Scharfrichter waren auch oft die Abdecker ihres jeweiligen Gerichtsbezirkes, also für die Beseitigung und Verwertung von Tierkadavern zuständig. Glaser hatte zudem die Aufsicht über die fürstlichen Jagdhunde inne, zog Gelder aus der ererbten Landwirtschaft und war im Immobiliensektor gewinnbringend unterwegs. Er verfügte also auch über ein gutes betriebswirtschaftliches Händchen.

Johann Jeremias Glaser war der älteste Sohn des ehemaligen Meininger Scharfrichters, der später dann dieses Amt in Walterhausen bekleidete. Seine jüngeren Brüder waren Scharfrichter in Gotha und Weimar. Seine Taufpaten waren die Scharfrichter aus Kahla und Ziegenbrück. Johann Jeremias Glaser heiratete 1684 eine Frau namens Anna Catharina Wahl; die Tochter des Schmalkalder Scharfrichters Hieronymus Wahl.

Durch den permanenten Verstoß gegen das 5. Gebot („Du sollst nicht töten!“) gehört das Handwerk des Scharfrichters zu den unehrenhaften Berufen. Söhne von Scharfrichtern blieb gar nichts anderes übrig, als das Handwerk des Vaters zu erlernen, egal wie gebildet sie auch gewesen waren. Ebenso waren Scharfrichterfamilien gezwungen, untereinander zu heiraten. So entstanden regelrechte Scharfrichterdynastien. Erst um die Mitte 18. Jahrhundert wurde die Unehrenhaftigkeit des Berufes per Gesetz aufgehoben und eröffnete Scharfrichtersprösslingen auch andere Karrierechancen.

Glasers Schwiegervater, der eben angesprochene Hieronymus Wahl, hat in der Totenhofkirche in Schmalkalden ein großes und künstlerisch behauenes Epitaph. Ein Grabdenkmal für einen Scharfrichter…auch dies auf den ersten Blick recht ungewöhnlich. Aber auch dieses Geheimnis wird im Jahr 2019 noch gelüftet werden. Hieronymus Wahl war im Übrigen der Sohn von Otto Heinrich Wahl; dem Scharfrichter von Meiningen. Otto Heinrich Wahl galt in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts vor allem bei den sich epidemisch ausbreiteten Hexenprozessen als der Scharfrichter schlechthin. Hunderten von vermeintlichen Hexen ‘entlockte‘ er die gewünschten Geständnisse und richtete sie später auf dem Scheiterhaufen hin. Wahls Künste waren hoch gefragt und er wurde aus Mitteldeutschland genauso angefordert wie aus dem fränkischen Raum. Der Urenkel von Otto Heinrich Wahl namens Friedrich Glaser – wir haben oben kurz von ihm gehört – sollte nach seinem Studium Stadtarzt in Suhl werden.

„Vom Scharfrichter zum Arzt“ – ein mögliches neues Sonderausstellungsprojekt, welches vier Genrationen der Familie Wahl/Glaser beleuchten soll und bei dem die beiden für ein Scharfrichteramt so untypischen Herren Hieronymus Wahl und Johann Jeremias Glaser im Mittelpunkt sehen sollen. Wieder ein ungewöhnliches Ausstellungsprojekt, welches möglicherweise an einem ungewöhnlichen Ort realisiert werden soll: Derzeit stehen die Chancen sehr gut, dass der Pfalzkeller dem Museum zukünftig als Sonderausstellungsfläche zur Verfügung steht.



Eintritt: 4 Euro


Ort Museum Schloss Wilhelmsburg, Riesensaal